Leon Tomic. Interview mit einem Wiener Barpianisten.

Leon Tomic ist dieses Jahr als neuer Wiener Barpianist in die Runde des Künstlerkollektivs aufgenommen worden und veröffentlicht im November unter BM-Records sein 3. Piano Solo Album. Das hat ihm bereits ein regelmäßiges Live Engagement in der Skylounge eingebracht. Wir haben ihn bei einem Frühstück im Joseph’s getroffen und ein paar spannende Dinge über das junge Ausnahmetalent mit erfahren!

Guten Morgen Leon! Schön dich zu sehen!
Guten Morgen!

Lass mich gleich damit anfangen, wie du überhaupt zur Musik gekommen bist.
Du hast erst mit 12 Jahren mit dem Klavierspielen begonnen. Woher kam die Idee plötzlich damit zu beginnen?
Ich hatte eigentlich nie was mit Musik am Hut. Ich wollte immer Regisseur werden. Deshalb wollte ich aufs musische Gymnasium gehen. Für die Aufnahmeprüfung musste ich allerdings ein Instrument spielen. So hat mir mein Vater ein E-Piano gekauft und ich habe die Aufnahmeprüfung gemacht. Aber nicht bestanden. Ich habe auch Klavierunterricht genommen, aber nichts dabei gelernt, weil meine Lehrerin wollte, dass ich Pippi Langstrumpf spiele. Danach wollte ich überhaupt nicht mehr Klavier spielen.

Wie hast du dann trotzdem die Liebe fürs Klavier entdeckt?
Zu der Zeit habe ich viel Playstation gespielt. Ich war ein richtiger Zocker. „Metal Gear Solid“ war mein Lieblingsspiel. Und da hat mir die Titelmelodie so gut gefallen. Also habe ich mir auf YouTube abgeschaut wie das jemand am Klavier spielt. Und das war der entscheidende Moment! Von da an habe ich die Lieder einstudiert, die mir gefallen haben.

Das heißt, du hast dir das komplett eigenständig angelernt?
Ja. Ich habe mir die Noten in Buchstaben aufgeschrieben. Meine Hand war aber noch zu klein für Oktaven, so habe ich meinem Bruder gesagt, er soll die Oktaven spielen. Und so habe ich die Songs meiner Lieblingsband „Linkin Park“ mit meinem Bruder am Klavier gespielt.

Das sind sicher nette Erinnerungen für dich und deinen Bruder! Wie ist es dann weitergegangen?
Mein Vater ist Straßenkünstler und kannte einen sehr guten Pianisten aus Makedonien. Den hat er gebeten mir mal beim Klavierspielen zuzuhören. Er wollte wissen, ob ich Talent habe. Also habe ich ihm gleich ein Lied von „Linkin Park“ vorgespielt und Ivo hat zu meinem Vater gesagt: „Wow! Dein Sohn ist ein richtiges Talent!“. Das war 3 Monate nachdem ich mit dem Klavierspielen begonnen hatte.

 Und dann hast du so richtig losgelegt!
Genau. Ivo war der ausschlaggebende Grund, dass ich wirklich Klavierspielen wollte. Obwohl mir dann ein bisschen die Pubertät dazwischen gekommen ist. Ich bin abgedriftet, war ein Skater und habe Klavier nur so zum Spaß gespielt. Ivo war zu der Zeit Barpianist in Salzburg und hat mich sehr unterstützt. Und irgendwann kam es bei ihm zu Hause zu einem Schlüsselerlebnis. Ich habe ihm was vorgespielt und er hat das nachgespielt. Hundert Mal besser. Und da hat er zu mir gesagt: „Leon, du kannst jetzt so weiter machen und Klavier als dein Hobby ansehen, oder aber du nimmst es ernst und beginnst Klassik zu spielen. Weil das, was du jetzt spielst ist unterste Schublade. Wenn du einmal Klassik kannst, wirst du diese Stücke locker aus dem Ärmel schütteln.“

Er hat mich an einen tollen Klavierlehrer- Damir Sertic empfohlen, der mich über Pop und Balladen langsam an die Klassik herangeführt hat. Für dieses langsame Heranführen danke ich ihm heute noch, weil ich damals Klassik gehasst habe! Ich habe damals Metal und Popmusik gehört. Er hat es geschafft, dass ich angefangen habe Klassik zu lieben.

Ab dem Zeitpunkt hast du das Klavierspielen ernst genommen.
Ja. Ich habe mich von allen meinen damaligen Freunden getrennt, weil ich geglaubt habe, dass sie mir nicht gut tun. Ich habe mich nur mehr zuhause eingesperrt und Klavier geübt. Alles was nicht Klassik war habe ich verachtet.

Und das brachte dich schlussendlich ans Mozarteum.
Leider hatte ich die Frist für die Anmeldung im Mozarteum verpasst, aber im Jahr darauf klappte es. In der Zwischenzeit hat mich Gereon Kleiner (Anm.: Universitäts Professor für Klavier am Mozarteum) unterrichtet.

Das war zwei Jahre nachdem du mit dem Klavierspielen begonnen hast.
Genau. Im ersten Jahr am Mozarteum habe ich dann den ersten Platz beim Landeswettbewerb Prima La Musica in Salzburg gemacht.

Weitere Preise folgten, wie man aus deiner Vitae lesen kann, bei weiteren Wettbewerben und sogar einmal bei einem Musikfestival in Südafrika.
Richtig. Und dabei hatte ich immer einen Komplex gegenüber meinen Mitschülern, weil die alle schon mit 6 Jahren mit dem Klavierspielen angefangen haben und ich erst mit 12. Ich wollte das alles nachholen.

Was dir ja ganz gut gelungen ist.
Ja, es ist mir immer leicht gefallen zu spielen, aber ich war furchtbar schlampig. Mein Lehrer gab mir Technikübungen für die Unabhängigkeit der Finger, das war sehr hart für mich. (denkt nach)… Das war echt eine schwierige Zeit. Da wollte ich auch manchmal aufhören, weil ich dachte das bringt nichts. Einmal hat mir mein Lehrer sogar wieder Kinderstücke vorgesetzt, weil er meine Technik verbessern wollte. Aber für mein Ego war das furchtbar. Ich kam von schwierigen Liedern wieder zurück zu Kinderstücken. Immer wenn ich geglaubt habe ich habe Fortschritte gemacht, wurde ich wieder zurückgeworfen.
Heute weiß ich, dass ich das gebraucht habe.

Dann lass uns gleich einen Bogen zu deinen Auftritten spannen. Was bedeutet es für dich vor Publikum zu spielen?
Ich bin dafür da, dass ich den Leuten mit meiner Musik ein gutes Gefühl gebe. Jeder sollte seinen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Mein Beitrag ist die Musik. Einmal, als ich wieder auf der Straße Klavier spielte, kam eine sehr alte Frau auf mich zu und wünschte sich „Türkischer Marsch“. Den habe ich ihr natürlich sofort vorgespielt und die alte Frau musste weinen und hat immer nur gesagt „Dankeschön, Dankeschön!“. Das Lied hat ihr immer ihre Mutter vorgespielt und sie wollte sich mit diesem Lied an sie erinnern. Genau so etwas sehe ich als meine Aufgabe. Menschen den Tag verschönern.

Irgendwann hast du dann selbst begonnen zu komponieren. Wie kam das?
(lacht)… Ich habe eigentlich immer schon mehr improvisiert als geübt. Meine Lehrer haben immer zu mir gesagt: „Du kannst ja nicht mal richtig üben. So übt man doch keinen Beethoven.“
Ich habe begonnen Countrymusik zu hören und war ein großer Fan von Townes Van Zandt, einem amerikanischen Country Sänger. Ich habe seinen Text „Tecumseh Valley“ vertont und mit meinen Triokollegen bei einer Schulaufführung vorgetragen. Das hat eigentlich allen gefallen. Und so habe ich begonnen Lieder zu schreiben.

Wo nimmst du die Ideen her?
Die Ideen stauen sich in mir auf. „Ovunque“ aus meinem ersten Album zum Beispiel habe ich mit 14 komponiert. Und wenn ich einmal etwas komponiert habe bleibt das in meinem Kopf. Das vergesse ich nie wieder. Ich vertone eigentlich meine Gefühle.

Das heißt du hast eine Thema im Kopf und daraus entsteht dann ein Lied!
Ja. Aber nicht immer. Beim neuen Album zum Beispiel habe ich mir vorgenommen, nur auf schwarzen Tasten zu spielen. Früher habe ich mir nämlich manchmal den Spaß gemacht, wenn ich ein Mädchen gedated habe, und sie bei mir zu Hause war, gemeinsam mit ihr zu improvisieren. Ich habe sie also auf den schwarzen Tasten spielen lassen und habe mich daneben gesetzt. Die schwarzen Tasten sind nämlich pentatonisch und klingen nicht hässlich. Und die Akkordfolge, die ich dazu gespielt habe ist ähnlich wie die von meinem Stück auf dem neuen Album.

Machen wir einen Schwenk von Klassik und Country hin zu Barpiano! Wie bist du zum Barpiano gekommen?
Begonnen hat das im Hotel Sacher in Salzburg. Ich war dort mit meiner Familie essen und habe einen älteren Herrn am Klavier spielen gesehen. Das war irgendwie crazy. So ein älterer Herr, sitzt so da und spielt. Irgendwie cool, dachte ich. Ich habe ihn gefragt ob ich auch mal spielen darf und habe dann „Georgia on my Mind“ gespielt. Eine amerikanische Familie hat sofort applaudiert. Von da an wollte ich gerne öfter in Salzburger Bars spielen.

Wie alt warst du da?
18. Das Problem war: ich konnte das alles nicht. Es hat etwas gebraucht bis ich in die Barmusik hinein gekommen bin. Die meisten Barlieder kannte ich auch nicht. Mein Lehrer hat mich gleich frustriert, weil er mir eine lange Liste mit Liedern hingestellt hat, die man als Barpianist können muss. Musicals, Operetten, Popsongs, Jazz, alles.

Und jetzt, als Wiener Barpianist hast du die Möglichkeit selbst zu bestimmen was in den Bars gespielt wird. Deine Lieder kommen gut an und prägen die aktuelle Barpianoszene.
Voll! (grölt leise und lacht) Wohooo!

Wie bist du eigentlich auf die Wiener Barpianisten gestoßen?
Ich wollte unbedingt in Hotels spielen und bin sofort auf die Homepage der Wiener Barpianisten gestoßen. Zuerst dachte ich, da komm ich nie rein, aber ich probier’s einfach mal. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich eine Antwort bekomme. Aber, es ist passiert. Immer dann, wenn man am wenigsten damit rechnet.

Welches Lied der Wiener Barpianisten gefällt dir besonders gut?
Milk Pearls von Franz ist genial. Der Bossa Nova Rythmus und die geilen Harmonien. Die Melodie ist chillig. Phantom find ich auch cool.

Was ist für dich das Schöne in deiner Rolle als Barpianist?
Als Barpianist sollte man im Hintergrund spielen. Man ist mehr für das Ambiente da. Wenn dann trotzdem Leute applaudieren, oder dir beim Vorbeigehen zulächeln, dann ist das das Schönste was dir als Barpianist passieren kann.

Das heißt du kannst leicht zwischen der Rolle als Konzertpianist und der Rolle als Barpianist switchen. Es ist kein Problem dich als Barpianist zurückzuhalten?
Nein überhaupt nicht. Auch wenn ich mit einer Sängerin auf der Bühne auftrete muss ich mich im Hintergrund halten. Barpiano spiele ich sehr zurückhaltend, da geht es nicht ums Profilieren, das muss man dann im Konzert machen. Als Barpianist dient man der Atmosphäre, dem großen Ganzen.

 Was wünschst du dir für die Wiener Barpianisten Szene?
Ich wünsche mir noch mehr Resonanz. Dass die Leute wirklich wegen dem Pianisten in die Bar kommen.

Was ist dein liebstes Publikum?
Das kann ich eigentlich nicht sagen. Aber wohl am ehesten die, die still sitzen und zuhören. Ohne, dass sie jetzt stumm sind, sondern wo man merkt, dass sie zuhören.

Gibt es Publikum, das dir unsympatisch ist?
(überlegt)…. Manche behandeln Barpianisten von oben herab, das gefällt mir nicht. Ein bisschen so wie ein Tanzäffchen: „Spiel mir das…. hau noch das raus….“.

In welche Richtung soll es musikalisch für dich weitergehen? Wo siehst du dich in 10 Jahren?
Das kann ich ehrlich gesagt nicht sagen. Wenn ich darüber nachdenke was ich die letzten Jahre alles wollte: Filmregisseur, dann wollte ich klassischer Pianist werden. Ich wollte unbedingt ans Konservatorium nach Moskau. Dann wollte ich nur Songwriter werden. Man kann das nicht sagen. Man soll immer flexibel sein. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich einmal da bin wo ich jetzt grad bin. Was ich aber sagen kann ist, dass ich einmal von der Musik leben möchte.

Das ist ein guter Abschluss! Danke Leon für das nette Gespräch!
Danke.