Simon Konttas. Ein Essay: Die Pianobar.

Der Schriftsteller, Theologe und Pädagoge Simon Konttas hat ein Essay über die Wiener Pianobars geschrieben. Der Autor von „Arme Leute“ beschreibt in eindrücklicher Weise die Aura der Bars von fast vergangenen Zeiten- im Hier und Jetzt. *Mit freundlicher Genehmigung des Autors hier veröffentlicht.

Die Pianobar
(Simon Konttas)

Der Philosoph Walter Benjamin stellt in seinem bekannten Aufsatz über die Reproduzierbarkeit des Kunstwerks fest, dass es die Aura des Echtensei, welche ein Kunstwerk als solches auszeichne; das technisch kopierte, reproduzierte Kunstwerk leide einen Mangel an dieser Aura: und darin bestehe, so Benjamin, ein entscheidender Teil des Realitätsverlustes in der Moderne.

Betritt man eine jener unscheinbar in versteckten Gassenverengungen sich befindlichen Wiener Pianobars – jene traulichen Orte flüsternder Noblesse, die mit ihrer eleganten Verschwiegenheit unweigerlich den Atem von etwas Nostalgischem ausstrahlen –, so umfängt einen eben jene von Benjamin dem Kunstwerk zugesprochene Aura des Wahrhaftigen: nicht aus Lautsprecherboxen dringt da die Musik, nicht aus der anonymen Maske der Technik: sondern da sitzt – meistens in einem unscheinbaren Eck, denn Pianobars pflegen keine allzu großen Orte zu sein – ein echter Mensch, der, sich selber in seinem Spiel den Menschen und seiner Umgebung schöpferisch anfügend, nicht nur Stimmung „macht“, sondern einen entscheidenden Teil jener Stimmung selber darstellt, durch welche der heimelige Raum der Bar erst eigentlich an Wirkung gewinnt.

Das an Theaterlogen erinnernde Rot der Wände, die leicht nachlässige Staubschicht auf den barock goldenen Bilderrahmen; die ein wenig wackeligen Tische (nur den vom stählernen Komfort Verwöhnten wird dies peinlich aufstoßen) und die den nach musikalischem Behagen verlangenden Geist in sich aufnehmenden verschlissenen fin-de-siècle-Möbel: in einer Epoche weltumfassender Sterilität und logistischer Vereinheitlichung hat allein die lässige Nonchalance des Ortes eine ganz eigene, dem Leben in seiner Unvollkommenheit huldigende Wirkung: denn auch das Leben, wie es leibt und lebt, ist nicht immer steril und blank geputzt; erst durch seine Unvollkommenheit vermag es zu reizen, so wie die Hofdamen im 18. Jahrhundert zu reizen wussten, wenn sie sich einen Schönheitsfleck auf die Wange heften ließen.

Die den dergestalt, in seinem keiner Steifheit bedürfenden Charme, prangenden Raum erfüllende Musik macht einen wesentlichen Teil seines Reizes, seiner Seele aus. So wie ein Raum ohne Bücher – man kennt das Wort Ciceros – irgendwie verödet wirkt, so würde auch die Wiener Pianobar an einer Verödung ihrer Aura leiden, säße da nicht ein echter Mensch aus Fleisch und Blut, der, nicht nur seinem künstlerischen Können, sondern ebenso seinem menschlichen Einfühlungsvermögen vertrauend, aus dem Gewöhnlichen – allein durch die Intimität seines Vortrags, welche die Gesten und Stimmungen seiner nächtlichen Besucher, sie augenblicklich in Stimmung verwandelnd, in sich aufnimmt – etwas Ungewöhnliches zu erschaffen vermag.

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